Sonntag, 19. Februar 2017

Kriminalpolizei



Am Abend verließ Frau Heimbitt nach einem Krankenbesuch das Klinikum Beteigeuze. Doch noch im Foyer mit Blick auf die aktuellen Nachtsterne wurde ihr wohl irgendwie komisch, so dass sie sich hinsetzte. „Ist alles in Ordnung?“ fragte die Pfortendame und löste den Reanimationsalarm aus. Denn Frau Heimbitt antwortete nicht mehr.
Das Reanimationsteam rauschte herbei. Frau Heimbitt konnte aber trotz großer Mühen nicht erfolgreich wiederbelebt werden. Das Reanimationsteam ging wieder weg. Zurück blieb ich, denn irgendwie fühlte sich nun niemand mehr zuständig und die goldene Regel des Klinikums Beteigeuze lautete: „Wenn sich keiner zuständig fühlt, dann ist es auf jeden Fall ein internistisches Problem.“ Der Internist, das war ich.
Mit Hilfe der Pfortendame fand ich schnell heraus, wen Frau Heimbitt besucht hatte. Die erschrockene Freundin erklärte, Frau Heimbitt wäre es geradeeben noch gut gegangen, eine engere Familie gäbe es wohl nicht. Ich hatte Glück und erreichte den Hausarzt, der eine Abendsprechstunde hatte. Nein Frau Heimbitt hätte außer etwas Bluthochdruck, keinerlei Erkrankungen gehabt. Nichts was ihr plötzliches Versterben erklären konnte.
Da man nun aber von mir erwartete irgendetwas in den Totenschein zu schreiben, fragte ich meinen Oberarzt, was immer eine beliebte Strategie internistischer Assistenzärzte ist. Diese eilte gerade in seinen ersehnten Feierabend und murmelte: „Da müssen sie „ungeklärte Todesart“* ankreuzen.“
Dies hatte ich noch nie getan, jetzt aber schon
Dann rief ich die Polizei an, da das Formular dies verlangte. 10 Minuten später stand eine Polizeisteife vor der Tür, die missverständlicherweise glaubte, jemand wäre gerade umgebracht worden. Enttäuscht rief der Alpha-Polizist nun seinen Vorgesetzten an, während der Beta-Teil seines Teams, welcher anscheinend noch nie eine verstorbene Person gesehen hatte, blass in der Ecke stand. Ich stand auch dumm in der Gegend rum.
Dann rief die Kriminalpolizei an und ein ärgerlicher Kriminalpolizist fragte ob ich denn wirklich ungeklärte Todesart ankreuzen wolle. Es folgte nun eine längere Diskussion in der der Kriminalpolizist rief ER hätte „natürliche Todesursache“ angekreuzt und ich sagte Frau Heimbitt hätte überhaupt keine Erkrankung, die dieses plötzliche Versterben rechtfertigen würden.
Ob ich diese Entscheidung den überhaupt mit meinem Hintergrund abgesprochen hätte?! Ja, natürlich, eine oberarztgestütze Ankreuzung wäre das.
Na gut dann würden sie eben eine dreivierte Stunde lang herfahren!!!
Zwei Stunden später rief mich die Pforte an, die Kriminalpolizei wäre nun da und würde auf mich warten.
Super. Inzwischen fühlte ich mich, als hätte ich persönlich die arme Dame in der Lobby ermordet.
Die Kriminalpolizei hatte wohl außerdem länger im Stau gestanden und hielt mir nun einen Vortrag, dass in dieser Klinik viel zu viele dieser Ärzte ungeklärte Todesart ankreuzen würden. Ich konnte mich zwar an keinen einzigen Fall erinnern, nickte aber freundlich und die Beamten waren im Anschluss auch erstaunlich nett. Man fertigte nun ein offizielles Vernehmungsprotokoll an, machte Fotos von Frau Heimbitt und dann ging ich schnell nachhause.
Frau Heimbitts Versterben wurde später wohl auf undefinierte Herzrhythmusstörungen geschoben.



*„ungeklärte Todesart“ : Es gibt zwar keine Hinweise auf eine Einwirkung von außen, die den Tod verursacht haben kann, aber trotz ausreichender Recherchen, kann keine körperliche Erkrankung benannt werden, die den Tod vermutlich verursacht hat.

Samstag, 11. Februar 2017

Wir sagen nichts.



Halb acht vor der Nacht. Das Krankenhaus glitt in den Abendzustand.
„Yo hier ist die Pforte, ich habe hier einen wichtigen Anruf für sie. Herr Schmidd oder so. Darf ich verbinden?“
„Ja klar.“
Eine sonore Stimme rief nun in den Hörer: „HALLO! Mein Name ist Schmidd. Mein Vater liegt bei Ihnen im Krankenhaus. Bin ich da richtig bei ihnen?“
„Möglicherweise. In welcher Abteilung liegt ihr Vater denn?“
„Auf der Privatstation!“
„Ok. Und welches Fachgebiet behandelt sie?“
„Herzprobleme!“
„Ah, dann richtig. Wie kann ich ihnen denn helfen?“
„Und sie sind jetzt wer überhaupt?“
„Ich bin der internistische Dienstarzt für den Abend.“
„Aha! Ich möchte wissen, warum man die Medikamente meiner Mutter umgestellt hat!“
„Oh das weiß ich auch nicht. Das weiß der Stationsarzt. Der ist leider nicht mehr da. Halb acht und so. Ich bin sozusagen nur für die Notfälle am Abend zuständig.“
„Ich verstehe nicht, warum man in diesem Krankenhaus nie Auskunft bekommt!“
„Öh, warten sie, ich gebe ihnen die Nummer der internistischen Privatstation. Rufen sie da morgen an, die wissen wer der Stationsarzt ist und können sie schnell weiterleiten.“
„Da lande ich ja bei den Krankenschwestern. Das ist für mich nicht akzeptabel. Verbinden sie mich bitte mit dem Chefarzt!“
„Ahm, wie schon erwähnt, ist jetzt halb acht am Abend und der Chefarzt ist auch nicht mehr im Haus.“
„Dann geben sie mir die Telefonnummer des Chefarztes!“
„Tut mir Leid, aber die Nummer des Chefarztes geben wir nicht so einfach raus.“
„Es ist unglaublich, in dieser Klinik erhält man nie Auskunft!“
„Wenn sie morgen zwischen 8 und 17 Uhr anrufen, werden sie auf jeden Fall jemanden erreichen, der ihnen kompetent weiterhilft.“
„Ha, das sagen sie! Und wie war ihr Name?“
„Zorgcooperations“
An dieser Stelle notierte Herr Schmidd frustriert meinen Namen und ich stelle mir vor, dass er am Folgetag befriedigend Auskunft erhielt.


Samstag, 4. Februar 2017

Vertretungen



„Hmhm, sie haben also seit 3 Tagen diese Erkältung mit etwas Husten und laufender Nase?“
„Ja genau!“
„Hm, und was war für sie so der Anlass schließlich diese Notaufnahme aufzusuchen?“
„Öh, mein Hausarzt hat zu.“
„Ah. Haben sie darüber nachgedacht zu dessen Vertretung zu gehen?“
„Mein Hausarzt hat keine Vertretung!“
„Das kann eigentlich nicht sein.“
„Mein Hausarzt hat NIE eine Vertretung!“
„Äh, also wenn Hausärzte im Urlaub oder wo auch immer sind, müssen sie schon einen Vertretungsarzt organisieren. Meistens wird der auf dem Anrufbeantworter angesagt. Haben sie mal angerufen und den abgehört?“
„Nö.“
„??“
„Ja wissen sie, wenn ich sonst zu meinem Hausarzt gehe, also wenn der offen hat, dann hängen da nie Schilder, dass es eine Vertretung gibt.“
„Ah. So. Warum probieren sie das mit dem Anrufbeantworter nicht gleich mal aus? Der Vertretungsarzt kann ihnen dann auch die gewünschte Krankschreibung ausstellen. Wir hier im Krankenhaus dürfen das nicht.“
„Hmhm na gut. Tschüss.“