Samstag, 21. Januar 2017

Hoch lebe das Norovirus… äh moment… doch nicht.



Es ist Winter. Hoch lebe der Norovirus. (So vermutlich die aktuelle Parole der Noroviren.)
So trägt sich nun in dieser öh Blütezeit des Norovirus gehäuft jene Begebenheit in der ein oder anderen Variation zu.
Patient Borgmüller, ein rüstiger Rentner, traf auf einen seiner vielen Unternehmungen auf so ein Norovirus und lag nun denn mit Magendarmgrippe darnieder. Durch einen dummen Zufall bekam dies nun das Kind Borgmüller mit und riet in diesem Fall doch den Hausarzt zur Rate zu ziehen. Der Hausarzt war jedoch schon im Feierabend. Der ärztliche Notdienst sollte jetzt her. Der ärztliche Notdienst, unsicher was er mit diesem ihm unbekannten Patienten nun anfangen sollte, verwies Herrn Borgmüller zur Sicherheit an das lokale Krankenhaus. Das habe Erfahrung mit Norovirus.
Gerade hätte man zum Beispiel alleine deswegen Isolierzimmer eingerichtet, öh und außerdem zwei weitere Station wegen erkranktem Personal ganz geschlossen.

Herr Borgmüller wurde freundlich durch die Notaufnahme geschleust, bekam eine Infusion und ein bewährtes Mittel gegen Übelkeit.
„So“, sagte ich dann, „jetzt haben wir alle Befunde beisammen, da besprechen wir das gerade. Wie geht es ihnen jetzt?“
„Ja, supergut“, sagte Herr Borgmüller, „und ich möchte wirklich gerne wieder heimgehen.“ „Ah gut, das wollte ich hier auch vorschlagen. Ihre Blutwerte sind gut, unsere Restuntersuchungen auch. Sie sollten sich halt ein paar Tage schonen, im Bett rumliegen, Tee trinken uns so.“
„Jaja“, sagte Herr Borgmüller, dies sei nicht der erste Magendarminfekt den er gehabt hätte und ließ sich von einem Freund heimfahren.

Es folgte nun der Anruf von Kind Borgmüller: „Aber WARUM haben sie meinen Vater wieder heimgeschickt?!“ „Öh nun ja, wir nehmen Patienten mit infektiöser Magen-Darm-Grippe nur auf, wenn unbedingt nötig. Wir haben im Augenblick keine Isolierzimmer mehr und um ein Einzel-Isolier-Zimmer für ihren Vater zu bekommen, müsste ich andere nicht infektiöse, aber trotzdem kranke Patienten aus dem Zimmer in den Flur legen. Das machen wir wirklich nur, wenn unbedingt nötig. Ihr Vater war bei uns die ganze Zeit kreislaufstabil…“
„Halt, woher wollen sie das denn wissen?“
„Wir sind eine Notaufnahme. Wir messen regelmäßig die Vitalparameter der Patienten.“
„Aber mein Vater ist krank!“
„Ja durchaus. Diesen Infekt kann er aber gut zuhause auskurieren. Seine Symptome wie er sie beschreibt und wie wir sie in der Aufnahme beobachtet haben, sind nicht so schlimm, dass er hier bleiben muss.“
„Hmpf, also ich sage ihnen, in der Uniklinik 10.000 km entfernt von Beteigeuze da wäre das anders gelaufen! Da hätte man meinen Vater aufgenommen!“
„Hmhm ok. Wir haben das anders entschieden.“
Das Kind Borgmüller legte unzufrieden auf. Herr Borgmüller überstand wohl alles gut.


Samstag, 14. Januar 2017

Diese Strategie.



„Sie haben also diesen Husten seit ein paar Tagen und da waren sie gestern beim Hausarzt.“
„Ja genau, so war das. Aber ich sage Ihnen das ist einfach nicht besser geworden!“
„Ah hmhm, und sie sagten, der Hausarzt habe ihnen da auch was verschrieben gegen den Husten.“
„Ja. Das habe ich gleich gestern in der Apotheke geholt. So was zum Inhalieren und dann noch so Tropfen.“
„Ok. Und das hilft Ihnen gar nicht?“
„Äh, naja, die Sachen habe ich noch nicht ausprobiert.“
„Ah.“
„Ja, ich dachte ich komme lieber gleich ins Krankenhaus.“
„Ahm, diese Strategie ist für mich jetzt nur so mittelmäßig nachvollziehbar. Wie wäre es, wenn sie zuerst die Empfehlungen des Hausarztes ausprobieren?“
„Wenn sie meinen…“


Freitag, 6. Januar 2017

Reanimation



Nachdem in anderen Medizinblogs immer wieder der eine oder andere coole und außerdem dramatische Reanimationsbericht erzählt wird, bei welchen ich dann beeindruckt und zustimmend nicke, wollte ich auch mal so einen Bericht verfassen.

Also: Es war Nacht und eine ruhige Nacht außerdem. Gerade erzählte ich Herr Bo-Mimikri dass sein Ohr auch durch dieses Otoskop total normal aussähe.
Da rief der Notarzt rief an. Er habe gerade einen Patienten mit schwerem Herzinfarkt gesammelt. Plonk, landete das Notarzt-EKG in unserem In-Faxfach.
„Jaja, ein schwerer Herzinfarkt“, stimmte ich zu und orderte von der Pforte einen Kardiologen mitsamt Herzkatheter-Team.
Alles lief super. Kardiologe und Herzkatheterschwester fielen unverzüglich aus ihren Betten. Knapp eine Viertelstunde später blinkte der Rettungsdienst auch schon die Klinikeinfahrt herein.
Wir winkten die Besatzung sofort zum Herzkatheter durch.
Notarztübergabe, Umlagern des Patienten: Herr Blaum 50 Jahre, der Kardiologe klärte den Patienten kurz auf, die Katheterschwester deckte alles steril ab.

Röntgengeschützt im Vorraum des Katheterraums füllte ich schon mal die Aufnahmepapiere aus und meldete Herrn Blaum gleich auf der Intensivstation an.
Auf den zahlreich rumstehenden Computermonitoren sah ich wie der erfahrene Kardiologe in Kürze das am schlimmsten verschlossene Blutgefäß lokalisiert und wiedereröffnet hatte. Es saß der Stent zum Offenhalten des Gefäßes, da überlegte ich ob diese Blutdruckmessung gerade falsch maß oder ob der Patient wirklich so einen niedrigen Blutdruck hatte.
„Frau Zorgcooperations, können sie mal eine Röntgenschürze anziehen und reinkommen?“ Noch während ich mir die schweren Röntgenschürze irgendeines abwesendes Kardiologen auslieh, löste der Kardiologe den Renanimationsnotruf aus.
Ich stolpere röntgengeschützt in den Raum um live zu sehen wie sich Herr Blaums Pulsschlag auf 5 pro Minute verlangsamt um dann in eine Nulllinie überzugehen.
Ein Schemel an den hohen Kathetertisch und wir beginnen zu reanimieren. Schwester Monika drückt, ich besorge einen Ambu-Beutel zum beatmen.
Jetzt geht auch auf allen meinen Telefonen der Notruf herunter, der über die Zentrale ausgelöst worden war. Im wilden Piepsen erreicht uns nun der Rest des Notfallteams: Der Anästhesist und sein Komplize, der Anästhesiepfleger.
Übergabe. Ich bringe alle Telefone zum Schweigen und übernehme das Drücken. Der Reanimationsschemel ist zu hoch aber ohne ist der Tisch zu hoch. Die Röntgenschürze ist (sau)schwer, schützt aber meine Eierstöcke zum Wohl potentieller Kinder. Der Röntgenbogen an sich ist sowieso allen im Weg, kann aber nicht auf die Seite, weil der Kardiologe Bilder braucht um den Stent zu überprüfen.

Der Anästhesie wickelt sich am Röntgenbogen vorbei. Ein besserer Beatmungszugang soll her. Sein Komplize reicht an. Der Patient erbricht jetzt Blut. Die anästhesiologische Fraktion fluchte unkontrolliert, der Kardiologe auch und wenn ich nicht so nach Atem ringen würde., dann ich auch. Egal, der Tubus sitzt nun endlich.

Der Anästhesist beschließt er braucht noch einen venösen Zugang, aber am kreislaufinsuffizienten Patienten bekommt man sowas nicht so einfach. Der Kardiologe hört uns gar nicht zu und röntgt in unseren Beatmungspausen ob noch was am Stent zu optimieren sei.
Der Anästhesie knallt jetzt eine große Kanüle in eine Halsvene.
„MANN, wir haben doch schon einen zentralen Zugang über die Schleuße an der Leiste“, schreit Schwester Monika, die das irgendwie unauffällig organisiert hat. Naja, jetzt hat der Patient halt drei Zugänge.
Der Anästhesist ist jetzt frustriert. Der Kardiologe auch. „Hören sie mal kurz auf zu drücken!“ schreit er nun, weil er sonst kein unverwackeltes Bild bekommt. Der ganze Reanimationsalgorithmus ist irgendwie am Arsch.
Der Anästhesie-Komplize löst mich beim Drücken ab.
Inzwischen hat sich unser Defibrillator diskonnektiert. Auch wenn wir gerade nicht defibrillieren wollen, vielleicht wollten wir das ja in Kürze. Folglich krieche ich wild zwischen Personen, Untersuchungstisch und Röntgenbogen umher und zerre an den beteiligten Kabel. Irgendwie geht die Übertragung des EKGs dann wieder.
Der Kardiologe tritt nun frustriert vom Tisch weg. Der Stent sitzt, mehr kann er nicht tun. Aber die Herzkranzgefäße sind in einem insgesamt schlechten Zustand. Den Rest muss Herr Blaums Herz nun selber schaffen.
Wir tun was wir können. Röntgenbogen beiseite, mehr Adrenalin. Drücken. Eine Dreiviertelstunde vergeht.
Wir gehen alle Gründe durch, die noch zum Kreislaufstillstand betragen könnten. Aber da gibt es nichts. 
Wir hören nach einer Stunde auf. Herr Blaum ist tot.

Der Kardiologe wird persönlich zu den Angehörigen gehen die draußen warten und die schlechte Nachricht überbringen.
Ich werfe alle meine Aufnahmepapiere und Pläne weg. Die Nachschwester hilft mir ein Bett für Herrn Blaum zu besorgen und ein ruhiges Plätzchen im Verabschiedungsraum.