Samstag, 3. Dezember 2016

Standardinternistengebiet oder so ähnlich



Und da war nun mein alleiniger Trost, die Übersetzerin, welche genauso verwirrt erschien wie ich. Der Patient, dessen Stärken auch nicht unbedingt im kohärenten Erzählen logischer Zusammenhänge lag, schaute uns hilflos an.
Nach einer gefühlt halbstündigen Anamnese waren wir etwa soweit:
A) Herr Gozolowsko sprach eher nicht so viel deutsch.
B) Herr Gozolowsko schien keinen Hausarzt zu haben und war daher ins allseits beliebte Klinikum Beteigeuze gekommen.
C) Das eigentliche Problem war immer noch unklar. Immerhin hatte Herr Gozolowsko aber sehr ausführlich dargestellt, warum er keinen Hausarzt habe.
Es beständen Schmerzen. So überall, zum Beispiel in Bauch und Rücken. 10 Jahre lang. Oder 5. Man habe auch mal operieren wollen. Was wüsste er nicht. Wäre er etwa Arzt? Nein. Also. Dann wäre alles besser gewesen und jetzt aber auch nicht mehr. Deswegen wäre er ja auch hier! So!
Da die Befragung nun schon viel zu lange chaotisch zwischen den Gründen warum der Patient keinen Hausarzt habe, der mysteriöse Operation und den nicht weniger unspezifischen Schmerzen hin und her driftete, beschloss ich mich nochmals auf den Bauch als äh Standardinternistengebiet zu konzentrieren. Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Besonderheiten bei Wasserlassen oder Stuhlgang? In zähen Verhandlungen kamen wir auf 5 Mal Nein. Vielleicht Blut im Stuhlgang? Nach einer weiteren längeren Diskussion mit der Übersetzerin meinte diese schließlich hilflos: „Der Stuhlgang wäre ohne Blut, aber es kam mal Blut aus dem Rücken.“ „Aus dem Rücken?!“ „Öh, ja.“ „Eine Verletzung?“ „Ich weiß es auch nicht!“ sagte die Übersetzerin und warf die Arme in die Luft.
Ich beschloss den Patienten einfach mal ausführlich zu untersuchen.
Die Aufnahmeschwester reichte mir schon mal den Bogen voller unauffälliger Laborwerte durch die Tür. Immerhin etwas.
Also los. Der Bauch war weich und Herr Gozolowsko deutete an, dass er im Augenblick auch gar keine Bauchschmerzen hätte. Hm.
Auf zum Rücken aus welchem Blut käme. Vielleicht ein aufgeplatzter Pickel? Der Rücken war Pickel-, Verletzungs- und Narbenfrei. Zumindest die genaue Schmerzlokalisation am Rücken wollte ich nun wissen: „Herrn Gozolowsko WO tut es denn sonst immer weh?“ - „Weiter unten.“ –„ Hier?“ – „Nein noch weiter unten.“ – „Da?“- „Noch weiter unten.“ – „Hm also jetzt müssen sie doch gerade mal die Hose ausziehen.“
Und da wo dann schon kein Rücken mehr war, lugte ein hässliches pickelartiges Gebilde hervor, welches der Grund für Herrn Gozolowskos allgemeines Unwohlsein, die Schmerzen und das Blut war. Pilonidalsinus nennt man das. Sehr unangenehm in der Tat.
Kein Plan ob Herrn Gozolowsko das alles einfach zu peinlich gewesen war oder ob aufgrund der Sprachschwierigkeit Rücken eine kreative Umschreibung für Gesäß gewesen war. Wir stellten den Patienten den Allgemeinchirurgen vor, die solche Dinge professionell und diskret behandeln.


Sonntag, 27. November 2016

Morgenmensch



Der Morgen graute so vor sich hin. Die Nacht war dunkel und stürmisch gewesen. Im Krankenhaus hatte man davon nicht mitbekommen, weil die Flurbeleuchtung die ganze Nacht brennt und so dem Dienstarzt leuchtet, der nicht schlafen kann, weil er arbeitet.
Das hatte ich tugendhaft die bis dahin vor sich hin triefende Nacht getan und jetzt hätte ich gerne geschlafen, denn mein Körper signalisierte ganz deutlich, dass nun ein Schlafzyklus an der Reihe wäre.
Naja.
Kennt ihr das? Ihr habt so einen Magen-Darm-Infekt. Erbrechen, Durchfall… nach zwei Tagen ist es vorbei. Fertig. Super.
Frau Genesch-Müller war besorgt, nachdem dieser Infekt am Nachmittag begonnen hatte und nun am Morgen gegen 4 immer noch nicht vorbei war.
Jetzt hatte sie sich insgesamt drei Mal Erbrochen und der Bauch grummle auch etwas.
„Hmhm“, sagte ich mit etwas monotoner Stimme und ließ mich auf einen Hocker fallen, „erzählen sie mehr.“ (Ja ok, das sagte ich nicht. Ich sagte nur „hmhm“.)
Frau Genesche-Müller erklärte nun, dass sie eigentlich geschlafen habe und nun wieder aufgewacht wäre, woraufhin sie sich erbrochen habe.
„Und dann sind sie hier hergekommen“, sagte ich, das offensichtliche bestätigend. Ich schob mich samt Hocker zum Schrank und besorgte mir ein paar Handschuhe.
„Ja!“ sagte Frau Genesche-Müller.
Ich drückte sehr langsam auf ihrem Bauch herum und sagte ebenso langsam nach einer längeren Pause: „Der Bauch tut aber nicht weh?“
„Nein, also nur ein bisschen.“
„Hmhm     können sie zeigen wo?“ ich versuchte etwas Empathie in meine Stimme zu legen.
„Hier.“
„Ah..., aber wenn man feste drückt, macht ihnen das nichts aus?“
„Nein.“
„Hm.“
Hier zeigte sich dann, dass mein empathischer Plan irgendwie nicht aufging.
Frau Genesche-Müller runzelte die Stirn: „Sind sie immer so schlecht gelaunt am Morgen?! Oder sind sie einfach kein Morgenmensch?“
„Äh ja, genau, kein Morgenmensch“ sagte ich hier.
Frau Genesche-Müller, ein energisch-fröhlicher Morgenmensch, wie es schien, sprang dann kurz darauf wie ein junges Reh (oder so ähnlich) aus der Aufnahme. Eine stationäre Aufnahme wäre vorerst nicht nötig, hatte ich ihr versichert.


Samstag, 19. November 2016

Falsche Lautstärke



Da wollte ich noch schnell diese Blutkonserven anhängen. Die Konnektionsstelle des Beutels hatte einen Materialfehler. Dies stellte sich beim Anbringen des Infusionssystems heraus. Blöd.
Ich ergoss Blut über mich, den Boden, umgebende Schränke und Schubladen. Nachdem Verlust des ganzen Transfusionsblutes (naja ca. einem Viertel) gelang es mir das Leck provisorisch abzudichten und ich hoffte inständig es würde halten, bis der Patient fertig transfundiert wäre.
Während ich noch versuchte die mit Blut be-äh-netzten Oberflächen und meine Schuhe zu reinigen, reichte man mir das Dienstschwesterntelefon. Ich hätte doch versprochen mit den Angehörigen von Herr Glaum zu sprechen. Weil ich jetzt aber so lange nicht gekommen wäre (Besser wenn Familie Glaum nicht erfährt warum)., wären sie schon heimgegangen.
„Ja hallo hier Zorgcooperations…“ ich erzählte, dass es Herrn Glaum gerade sehr schlecht ginge, außer der schweren Lungenentzündung habe er vermutlich auch zu wenig getrunken und wir erhofften uns der Patient würde wieder wacher werden, nach unserer professionellen Antibiotika- und Flüssigkeitstherapie. Aber wie gesagt es ginge ihm wirklich schlecht.“
„Ach was!“, sagte Frau Glaum hier, „sie müssen einfach lauter sprechen! Dann reagiert er auch.“
Ah. Irgendwie hatte ich das Gefühl dieses Telefonat war nicht so optimal gelaufen. Resigniert besorgte ich mir einen neuen Satz Arztkleidung und vermerkte zu Sicherheit in Herrn Glaums Akte man solle laut sprechen.